BASKET
Paul Millsap: Starfighter

Posted by Timo Böckenhüser on Februar 27, 2009 2:28 p.m. ET


Die Utah Jazz mussten Backup-Forward Paul Millsap ins kalte Wasser werfen, als Starter Carlos Boozer verletzungsbedingt ausfiel. Der 24-Jährige hat seine Chance so gut genutzt, dass BASKET-Autor Jonas Falk ihm zutraut, seinen All-Star-Konkurrenten auf den Mond zu schießen.

Hätte ich vor der Saison eine Story über große Rollenspieler geschrieben, Paul Millsap wäre sicher dabei gewesen. Denn der Jazz-Forward passt perfekt ins Bild des Zonentiers: Er ist ein Fighter und Reboundspezialist, der die Drecksarbeit erledigt. Sein 2,03 Meter langer Body ist für einen NBA-Power-Forward eigentlich sogar etwas zu klein, weswegen er 2006 auch erst an 47. Stelle gedraftet wurde – gleich zwei Extraportionen Motivation!

Für die mannschaftsdienliche Spielweise bekommt Millsap aber nur minimales Gehalt, innerhalb seines Teams hat er keinerlei Ansprüche. Von seinen Understatement-Zitaten wie „Ich helfe dem Team, wo ich nur kann“ ganz zu schweigen.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Um Millsap ist es zur Saisonhalbzeit alles andere als still, die Zeitung „Salt Lake Tribune“ forderte im Januar sogar eine All-Star-Nominierung für den Forward. Und das ist kein Unfug!

Mr. Double-Double

Die positive Entwicklung zeichnete sich ab. Schon seit Saisonbeginn haben die Jazz Verletzungspech: Playmaker Deron Williams verpasste fast den kompletten ersten Monat, zu allem Überfluss verletzte sich Mitte November auch noch All-Star-Forward Carlos Boozer. Dessen 20,5 Zähler und 11,7 Rebounds galt es schnellstmöglich zu ersetzen, damit die Jazz im Kampf um die Division-Krone im Nordwesten nicht zu sehr an Boden verlieren.

Einen Absturz ohne aktuellen All Star, wie es Miami 2007/08 ohne Dwyane Wade und aktuell Washington ohne Gilbert Arenas passiert ist, galt es zu vermeiden.

Die Hoffnungen der Utah Jazz ruhten dabei auf den Schultern von Boozers Ersatzmann Paul Millsap. Seine übersichtliche NBA-Erfahrung (zwei Saisons) und die mageren Vorjahres-Stats von 8,1 Punkten und 5,6 Rebounds sorgten für Stirnrunzeln: Dieser Nobody soll gegen Contender wie die Celtics, Lakers, Hornets oder Magic seinen Mann stehen?

Ein Wurf ins kalte Wasser, in dem Millsap bis zu Boozers Comeback bestmöglich strampeln und den Schaden in Grenzen halten sollte.

Hauptsache: nicht absaufen.

Doch den Schaden richtete Millsap dann doch an – beim Gegner! Mit 21 Punkten und zehn Rebounds gegen die Chicago Bulls startete Millsap am 24. November eine unglaubliche Serie von Double-Doubles, die sich bis zum 7. Januar erstrecken sollte. Sage und schreibe 19 Mal in Folge verbuchte Millsap zweistellige Werte in zwei Statistiken! Das hatte seit John Stockton, der in der Saison 1990/91 satte 25 Double-Doubles in Serie ablieferte, kein Jazz-Profi mehr geschafft.

Da ist es kein Wunder, dass Millsaps Stats im Vergleich zum Vorjahr in die Höhe geschossen sind: Rebound-Werte gingen um zwei Drittel hoch, die Punkteausbeute stieg um 85 Prozent. Und das, obwohl so gut wie keine Spielzüge für ihn gelaufen werden.

„Nur weil du jemandem mehr Minuten gibst, bedeutet das nicht automatisch eine positive Entwicklung. In seinem Fall aber schon“, lobt Boozer die überproportionale Steigerung seines Vertreters. „Er hat in meiner Abwesenheit großartig gespielt.“

Allein im Dezember markierte Millsap 18,6 Punkte und 11,5 Rebounds pro Partie, als Starter liegen seine Saisonwerte nur minimal unter denen von Boozer.

Da stellt sich doch die Frage: Kann Millsap den Platzhirsch nur temporär ersetzen oder sogar für immer?

Fakt ist, dass Boozer verletzungsanfällig ist. In dieser Saison hat er schon über 30 Spiele verpasst, noch nie in seiner sechseinhalbjährigen NBA-Karriere konnte er alle 82 Begegnungen absolvieren. Millsap hingegen hatte bis zu einer Miniverletzung kurz vor Weihnachten noch kein einziges Spiel versäumt. Seine Serie endete bei stolzen 194 Partien.

Zudem sorgte Boozer zu Beginn der aktuellen Saison mit seiner Ansage, im kommenden Sommer kraft seiner Player-Option den Free-Agent-Markt testen zu wollen, für Unruhe.

Paul Millsap
Paul Millsap
NBAE/Getty Images

Das Misstrauen in die Person Carlos Boozer ist verständlich: Schon 2004 war er bei den Cleveland Cavaliers aus seinem Vertrag ausgestiegen, um neu zu verhandeln. Statt wie abgesprochen zu verlängern, unterschrieb der Geschäftsmann für mehr Kohle bei den Jazz. Verrat!

Utah weiß also aus erster Hand, was Boozer alles zuzutrauen ist. Während sein Abgang keine Überraschung wäre, werden die Verhandlungen mit Millsap einfacher sein.

Interessant: Momentan wird der 24-Jährige noch nach Rookie-Maßstab bezahlt, sein Jahresgehalt liegt bei knapp 800.000 Dollar. Damit ist Millsap schlechtbezahltester Akteur im Kader der Jazz. All Star Boozer bekommt dagegen 11,6 Millionen Dollar – fast 15-mal mehr als sein Konkurrent. Und das, obwohl der drei Jahre jüngere Millsap bei gegebener Spielzeit ähnliche Leistungen wie Boozer bringt. Riecht nach einer Gehaltserhöhung im Sommer.

Doch selbst dann kann Millsap wegen des Spielergewerkschaftsvertrags maximal etwa halb so viel verdienen wie Boozer mit einem neuen Vertrag.

„Ich will noch nicht daran denken, die Saison dauert noch lange“, sagt Millsap über seine Aussichten im Sommer. „Aber natürlich hat man das Geld im Hinterkopf. Es ist mir wichtig.“

Das weiß auch Coach Jerry Sloan, der die Entwicklung seines Zöglings freudig beobachtet. „Er hat eine große Zukunft vor sich. Hoffentlich bei uns“, plädiert Sloan für eine Vertragsverlängerung. „Typen wie Paul haben gute Karriere-Chancen, weil sie sich alles erarbeitet haben. Auch in seinem Fall lässt sich hoffentlich alles zu seinem und unserem Wohl regeln.“

Wen soll man behalten?

Aus dem „Paperboy“, wie Millsap in Anlehnung an Jazz-Legende Karl „Mailman“ Malone aufgrund gleicher Uni und ähnlicher Spielweise genannt wird, ist ein Eckpfeiler des Teams geworden. Das Jazz-Management steht vor einem schweren Sommer: Millsap wird Restricted Free Agent, Boozer kann aus seinem Vertrag aussteigen. Gleiches gilt für Center Mehmet Okur.

Wen soll man da bloß behalten? Alle drei zusammen sind 2009/10 kaum zu bezahlen. Wenn Millsap den dauerverletzten Boozer ersetzen kann – warum tradet man Letzteren dann nicht, solange es noch geht? Stichwort: Trading-Deadline!

Einen Umbruch wird es eh geben, der Titel ist für Utah sehr weit weg, auch wenn das Team gut spielt. Es kann auf der Vier bei den Jazz nur einen geben. Wenn ich im Herbst eine Story über die Jazz schreiben sollte, ist Paul Millsap hoffentlich dabei.

(Aus BASKET 3/09 – jetzt am Kiosk)